Dienstag, 4. Juli 2017

Regionalliga


Bei Bordeaux denkt man mittlerweile leider oft an "teuer". Für die Spitzen-Crus trifft das auch unzweifelhaft zu. Aber es gibt eben nicht nur eine erste Liga, sondern auch eine zweite, eine dritte, eine Regionalliga etc. Da geht es ziemlich weit bergab, auch in Bordeaux. Aber bleiben wir mal bei der Regionalliga. Da wird nämlich auch guter Fußball gespielt (das muß ich so schreiben, ich bin Anhänger von Alemannia Aachen). Beziehungsweise guter Wein gemacht. Um den geht es heute. Chateau Lanessan im Haut-Medoc ist so ein Regionalliga-Gut, ein Traditionsverein sogar (um bei der Analogie zu bleiben). Schon sehr lange im Geschäft und für durchaus langlebige Weine bekannt. Einige Jahrgänge haben wir im Keller, und nach der jüngsten Aufräumaktion in eben diesem Keller standen heute drei etwas betagte Regionalligisten zur Probe an.


1988 Chateau Lanessan
Recht helles Rot mit orange-braunen Reifenoten
In der Nase anfangs etwas staubig, dahinter noch recht ausgeprägte Frucht,mit mehr Luft auch Liebstöckel
Am Gaumen macht sich sofort eine präsente Frucht bemerkbar, mittelgewichtig, kernig und in keinster Weise gezehrt wirkend. Das ist kein Charmebolzen, aber ein solider und hervorragend gereifter Cru Bourgeois.
86-88

1990 Chateau Lanessan
Wieder recht helles Rot mit orange Rand, wirkt leicht trüb
In der Nase dominieren Tertiäraromen; Fleisch, Waldboden, Pilze
Am Gaumen gradlinig, Graphit, präsente Säure, Teer, durchaus elegant wirkend. Wirkt nicht gezehrt, gefällt mir anfangs weniger gut als der 1988er, legt mit Luft aber zu. Dürfte noch einige Jahre durchhalten.
86-88

1998 Chateau Lanessan
Mittleres Rot mit angedeuteter Reife am Rand
In der Nase von mittlerer Intensität, deutlich rotfruchtig 
Am Gaumen verhalten rotfruchtig, noch (zu) präsentes Tannin. Erinnert aromatisch an den 1988er, ohne ihn aber zu erreichen. Das ist noch in bestens trinkbarem Zustand, aber das Tannin trübt den Trinkspaß dann doch etwas.
83-85, bis 2020




Fazit: Seinen Ruf, langlebige Weine zu erzeugen, hat Chateau Lanessan eindrucksvoll bestätigt. Obwohl in allen Fällen das prognostizierte Trinkfenster längst abgelaufen ist (bei Parker bis 2008/2005/2015 für 1988/1990/1998) stehen alle drei Weine gut da. Der 1988er und 1990er sind vom Charakter her sehr unterschiedlich, aber beide sehr gut. Das waren aber natürlich auch hervorragende Bordeaux-Jahrgänge, wobei 1988 sicher "klassischer" ist als 1990. Der 1998er aus kleinerem Jahr fällt etwas ab und vermittelt nicht den großen Trinkspaß. 

Und vielleicht noch ein Wort zur Preisentwicklung: Die Preissteigerungen in Bordeaux werden ja gerne kritisiert, und für die Top-Chateaux sind die Erhöhungen ja tatsächlich in vielen Fällen exorbitant. Aber bei Chateau Lanessan (das hier nur stellvertretend für eine Vielzahl von soliden Weingütern ohne Glamour-Faktor steht) sind wir in einer ganz anderen Welt. Der 1988er hat 1990 14,40 DM gekostet, der 1990er zwei Jahre später 15,50 DM und den 1998er habe ich 1999 für 22 DM gekauft. Letzten Monat habe ich 2016er Lanessan subskribiert - ein dem Vernehmen nach hervorragender Bordeaux-Jahrgang mit exzellenten Bewertungen für Lanessan (90-92 von Neil Martin bei Parker). Der Preis? 13.30 €. Macht im Vergleich zum (vermutlich schwächeren) 1998er eine jährliche Preissteigerung von unter 1% und im Vergleich zum 1988er von gut 2%. Da ist nix orbitant - das ist klar unterhalb der Inflationsrate.

Sonntag, 25. Juni 2017

Wenn der Hahn kräht

Unter Ökonomen heisst es ja, es gäbe "no such thing as a free lunch". Aber kostenlose Weinverkostungen gibt es manchmal doch. Am 12. Juni lud der Meininger-Verlag zu einer Verkostung von Chiantis und kulinarischen Spezialitäten (Olivenöl, Schinken und Pecorino) nach Düsseldorf ein, für registrierte Besucher kostenlos. Das Fachpublikum durfte schon um 14 Uhr ran, Endverbraucher ab 17 Uhr. Praktischererweise gelten Blogger als Fachbesucher und so kam ich in den Genuß einer sehr entspannten Verkostungsatmosphäre. Insgesamt waren 27 Weingüter vertreten; die meisten mit drei Weinen, alles "echte" Chiantis (also keine "Super Tuscans" und sonstiges Gedöns).

Die Kollektion des Tages

Ich habe im wesentlichen in drei Durchgängen probiert, nämlich zuerst die 2015er Classicos, dann die 2013er Riservas und Gran Seleziones und schliesslich alles, was mich sonst noch so interessierte. Ich berichte aber nach Weingütern geordnet. Neben den bekannten Namen habe ich bewußt auch die Weine einger (zumindest mir) unbekannten Güter probiert.

Banfi ist ein riesiger Laden. Allein von der Riserva werden 750.000 Flaschen produziert, allerdings aus zugekauften Trauben. Es gibt unter dem Namen Fonte alle Selva aber auch Weine, die aus eigenen Trauben hergestellt werden. Der 2015er Fonte alle Selva hat mir mit schöner Kirschfrucht und Marzipan sehr gut gefallen (86-88+). "Kirschfrucht" wird im weiteren Verlauf des öfteren erwähnt werden, aber was soll ich denn machen - viele Weine schmeckten eben intensiv nach Kirsche (und ich mag das). Die Riserva aus der Großproduktion kam mit dem "Fonte alle Selva" übrigens nicht mit (83-85).

Der 2015er Brolio von Barone Ricasoli hat mich nicht wirklich überzeugt (etwas undifferenzierte Frucht, 83-85). Die 2013er Gran Selezione (schöne Frucht, frisch wirkend, Potential, 89-91) war deutlich besser. Ricasoli verwendet neben der Hauptsorte Sangiovese (mindetsens 80%) ziemlich viel Cabernet, Merlot und zum Teil sogar Petit Verdot in seinen Cuvees.

Mir vorher völlig unbekannt war Carus Vini, ein 13 Hektar grosses Gut. Die 2013er Riserva war einer der wenigen Weine mit deutlichem Cabernet-Anteil, der mir wirklich gefiel (sehr schöne Nase; wenn man's weiß, kann man den Cabernet identifizieren, nachhaltig, leicht salzig, 89-91+).

Den Vogel abgeschossen hat Castello di Fonterutoli. Schon der 2015er Classico ist ein toller Wein mit intensiver, "dunkler" Nase, schöner Fruchtintensität und elegenter Anmutung am Gaumen. Das ist ein echter Spaßwein (89-91). Die 2013er Riserva Ser Lapo (mit 10% Merlot) setzt noch eins drauf mit intensiver Kirschfrucht, großer Intensität und leicht salziger Note (92-94). Aber da geht noch mehr. Die 2013er Gran Selezione verführt sofort mit großartiger Frucht in der Nase. Ich verwende das Wort "geil" eigentlich fast nie (jedenfalls nicht im Zusammenhang mit Wein :-) ), aber hier paßt es. Am Gaumen sehr intensiv und trotzdem elegant wirkend; die Struktur des Weines ist hinter der enormen Frucht versteckt, aber vorhanden. Ich finde das grandios und habe tatsächlich 95-97 auf meinem Zettel stehen.

Entspannte Verkostungsatmosphäre

Castello die Monterinaldi und Castello Vicchiomaggio sind wieder zwei Weingüter, die ich gar nicht kannte. Beide 2015er Classicos waren zuverlässig (jeweils 86-88). Ähnliches gilt für Dievole, einen anscheinend recht großen Erzeuger (von dem Classico alleine gibt es 230.000 Flaschen), den ich trotzdem nicht kannte. Am besten gefallen hat mir hier die 2014er Riserva "Novecento", die noch Zeit braucht, aber erkennbar Potential hat (89-91).

Die Fattoria die Felsina ist quasi mein Hausweingut in der Toskana, das einzige Gut, von dem wir nennenswerte Mengen im Keller haben. Die Chiantis hier werden aus 100% Sangiovese erzeugt. Der 2015er Berardenga ist derzeit eher verhalten, mit sauberer Frucht, eher auf der elegenten Seite (86-88). Die 2013er Riserva Rancia mit ihrer intensiven Nase und der typischen Salzigkeit ist ein hervorragender Wein mit viel Potential (92-94; daß die Rancias hervorragend reifen können, weiß jeder, der den 1990er kennt). Es geht aber noch besser. Die 2010er Gran Selezione "Colonia" aus einem mit viel Aufwand neu angelegten Weinberg ist ein großartiger Wein; trotz aller Intensität fast ätherisch wirkend, erdig ohne rustikal zu sein, mit toller Frucht und Struktur und viel Zukunft (95-97). Allerdings wird dafür auch ein Preis um 80 € aufgerufen. 

Pecorino konte auch probiert werden

Ein weiteres mir zuvor unbekanntes Gut ist Losi Querciavalle aus Castelnuovo Berardenga. Hier bringt man die Weine offenbar erst nach längerer Lagerung in den Verkauf, denn man bot einen 2012er Classico (in der Nase eher kräuterwürzig, eher auf die Struktur als auf die Frucht gestellt, 86-88), eine 2011er Riserva (89-91) und eine 2010er Gran Selezione "Millenium Losi" (feine, differenzierte Nase, Orange (?), am Gaumen erdig und mit seiner salzigen Note an Felsinas Rancia erinnernd) auf.

Die Weine von Rocca delle Macie kamen nach meiner Ansicht mit den besten nicht mit. Der 2015er Classico "Sant' Alfonso" wirkt noch unnahbar mit dunkler Frucht und etwas Gummi; aromatisch ist das nicht mein Wein (83-85+). Die 2013er Riserva "Famiglia Zingarelli" wirkt rund, mit etwas Schololade und einer leicht grünen Note (Vom Cabernet-Anteil?), 86-88. Noch etwas besser die 2013er Gran Selezione "Riserva di Fizzano" mit schöner, offener Nase und ausgeprägter Kirschfrucht, vielleicht ein wenig monolithisch wirkend.

Bei San Felice, einem weiteren Gut aus Castenuovo Berardenga, gab es gediegen wirkende Weine. Der 2015er Classico "San Felice" hat eine schön differenzierte Frucht, ist elegant und trinkt sich sehr gut (86-88). Auf ähnlichem Niveau, aber kräftiger und mit einer eher kräutrigen Aromatik die 2013er Riserva "Il Grigio". Bester Wein hier ist die 2013er Gran Selezione "Il Grigio" mit eher leiser Aromatik, schöner Kirschfrucht und einer erdigen, leicht salzigen Note. Diese Salzigkeit zeigt sich bei vielen Weinen aus Castenuovo Berardenga, angefangen natürlich bei Felsinas "Rancia". Ich sollte mal in Erfahrung bringen, ob die Böden dort sich durch irgendeine Besonderheit auszeichnen.

Auf hohem Niveau waren die Weine der Villa Calcinaia, die nur 2014er im Angebot hatte. Die Riserva "Villa Calcinaia" wartete mit schöner Kirschfrucht auf und ist schon zugänglich (89-91). Neben den im Programm aufgeführten Weinen gab es noch einen auf sandigem Boden gewachsenen Einzellagenwein, dessen Namen ich mir leider nicht notiert habe. Das ist schade, denn der Wein war sehr gut, elegant und mit reintöniger Kirschfrucht ausgestattet (89-91+). Auf gleichem Niveau die Gran Selezione "Vigna Bastignano" mit einer feinen, zurückhaltenden, aber deutlich mineralisch geprägten Nase. Ein eleganter, schöner Wein mit fast zart wirkender Frucht (89-91+).

Nur einen Wein habe ich von Villa Mangiacane probiert, einen 2013er Classico "Mangiacane". Der war dunkelfruchtig, mit erdiger Nase und sehr nachhaltig (86-88).

Last but not least die Villa Trasqua, ein in Schweizer Besitz befindliches Gut, das ich nicht kannte, das aber vollauf überzeugen konnte. Der 2013er Classico zeigt saubere Kirschfrucht und eine recht ausgeprägte Säure (86-88). In jeder Beziehung eine Stufe darüber die 2012er Riserva "Fanatico" mit tiefgründiger Kirschfrucht, zupackenden Tanninen und erkennbarem Potential (89-91). Das einzige, das mir an dem Wein nicht gefällt, ist der Name. Mit an der Spitze aller verkosteten Weine dann die 2011er Gran Selezione "Nerento". Auch hier intensive Kirschfrucht, viel Druck, Nachhaltigkeit und spürbares Tannin (92-94). Die Weine scheinen in Deutschland nicht leicht erhältlich zu sein, aber es dürfte sich lohnen, danach zu suchen.

So eine Verkostung ist harte Arbeit :-)


Fazit: Insgesamt gab es viele sehr gute bis hervorragende Weine, von denen viele zudem ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis aufweisen. Den Trend, Merlot und Cabernet bei der Chianti-Produktion zu verwenden, sehe ich eher kritisch. Neben einigen sehr gelungenen Weinen (Ser Lapo, Carus Vini) gabe es auch viele Weine, bei denen mich (insbesondere) die Cabernet-Aromen störten. Bei den Platzhirschen überzeugten die Fattorie die Felsina und vor allem das Castello di Fonterutoli. Da gibt es verdammt viel Wein für einen fairen Preis (nein, ich bekomme keine Prozente). Ich konnte nicht anders, als mir von allen drei Fonterutoli-Weinen je sechs Flaschen in den Keller zu legen. Bezugsquellen lassen sich leicht gugeln. Meine Neuentdeckung des Tages war die Villa Trasqua mt sehr schönen Weinen, die allerdings in Deutschland nicht leicht zu finden sind.

Montag, 29. Mai 2017

Happy Birthday

Jeden Montag gibts das nicht. Aber heute ist Geburtstag, da darf das mal sein. Wozu hat man das Zeug denn im Keller? Zuerst also ein gediegener Champagner, der 2002 "Rare" von Piper-Heidsieck. Ok, die Flasche kann man kitschig oder dekadent finden, aber der Inhalt ist grosse Klasse, mit superfeiner Perlage.

Und dann mußten wir doch auch auf der aktuellen Welle reiten, dem Keller-Hype. Daß das ein hervorragendes Weingut ist, wird niemand ernsthaft bestreiten. Aber der aktuelle Hype mit astronomischen Preisen für den G-Max (den ich noch nie probieren durfte) und exorbitanten Preisen auf Ebay und anderswo für die "normalen" GGs hat schon etwas irreales. Kürzlich las ich von einer Abtserde-Vertikale, bei der der 2006er (zur allgemeinen Überraschung) am Ende die Nase vorne hatte. Nun, wir haben exakt einen Jahrgang Abtserde im Keller. Welchen? Genau, 2006. Den gab es seinerzeit mal für 36 €. Die erste unserer drei Flaschen haben wir vor Jahren getrunken und waren enttäuscht. Heute war Wiedergutmachung angesagt. Und wie.






2002 Piper-Heidsieck "Rare"
Sehr feine, tiefe Nase, Brioche, exotische Früchte, Zitrus
Am Gaumen sehr nachhaltig, ausgeprägte Zitrusfrucht, sehr feine Perlage, lang.
92-94

2006 Keller Riesling GG Abtserde
Reifes Goldgelb
Beim Riechen springen mich gleich kandierte Zitrusfrüchte an. Die Nase ist intensiv und tief, mit Belüftung kommen zu den Zitrusnoten exotische Früchte hinzu. Das ganze wird begleitet von einer  packenden Mineralität.
Am Gaumen packt sofort die kalkige Mineralität zu, daneben ausgeprägte Zitrusfrucht und wieder exotische Früchte. Sehr lang.
Keinerlei erkennbare Reifenoten; der Wein wirkt tatsächlich eher so, als habe er seine volle Trinkreife auch nach 10 Jahren noch nicht erreicht. Dürfte bei guter Lagerung auf jeden Fall noch viele Jahre vor sich haben. Wer sagt da, daß 2006 ein schwieriger Jahrgang war? Großes Riesling-Kino.
95-97, bis 2025


Privat(e) Schmelz zum Dienst!

Beim Aufräumen im Keller fanden sich in einem Regal ganz unten noch einige gereifte Österreicher, die irgendwie in Vergessenheit geraten waren. Zum einen waren das zwei 2004er von Nigl aus dem Kremstal, der Grüne Veltliner "Privat" und der Riesling "Privat". Zum anderen waren das zwei 2005er Smaragde vom Wachauer Weingut Schmelz, ebenfalls ein Grüner Veltliner (Pichl Point) und ein Riesling (Stenriegl). Einmal ans Tageslicht gezerrt mußten sie dran glauben. Das Ergebnis war etwas durchwachsen. Ein wirklich sehr guter Wein, zwei ordentliche und ein Korktreffer.




2004 Nigl Grüner Veltliner Privat
Reifes Goldgelb mit leichtem Orange-Ton
In der Nase ein sherryartiger Reifeton, Apfel, Bienenwachs, Kräuter
Auch am Gaumen reif, aber noch sehr präsent, gaumenfüllend, dezente Sherrynote, stützende Säure
86-88, trinken

2004 Nigl Riesling Privat
Mittleres Gelb
Reif, Petrolnote, Verdacht auf leichten Kork
Der Korkverdacht bestätigt sich.
ohne Wertung

2005 Schmelz Grüner Veltliner Smaragd Pichl Point

Auch hier reifes Goldgelb mit leichtem Orange-Ton
Sehr schöne Nase, etwas Apfel, gelbe Früchte, in sich ruhend
Am Gaumen sehr schön, gelbfruchtig, viel Schmelz (Nomen est Omen), sehr stimmig und harmonisch. Das ist richtig gut.
89-91, bis 2018

2005 Schmelz Riesling Smaragd Steinriegl
Sattes Goldgelb
In der Nase zu Beginn etwas modrig und etwas korkig wirkend. Das wird mit Luft schwächer, verschwindet aber nicht ganz. Nach Belüftung gelbfruchtig mit Aprikosennoten (oder muß ich "Marillen" schreiben?)
Am Gaumen reife, aprikosengeprägte Rieslingfrucht, prägnante, aber etwas aufgesetzt wirkende Säure, auch hier wieder schöner Schmelz. Macht aber lange nicht so viel Spaß wie der Veltliner.
83-85, trinken

Freitag, 19. Mai 2017

Alt und grau?

Heute gab es zwei Weine, die ich im Keller vergessen hatte. Beide habe ich im Jahr nach der Ernte gekauft und die jeweils letzte Flasche dann nie aufgemacht. Nun endlich waren beide fällig.




2008 Clemens Busch Vom grauen Schiefer Riesling trocken
Reifes Goldgelb
In der Nase recht ausgeprägt, deutlich auf der kräutrigen Seite, dazu Bienenwachs
Am Gaumen ein etwas karger, wieder kräuterbetonter Stil, kleidet den Gaumen trotzdem vollständig aus, gute Länge
Spannender, durchaus eigenständiger Wein.
86-88, bis 2018

2009 Clemens Busch Vom grauen Schiefer Riesling trocken
Ebenfalls reifes Goldgelb, in der Farbe fast kein Unterschied zum 2008er 
In der Nase etwas leiser, deutlich fruchtbetonter, Orangenschale, Zitrus
Auch am Gaumen Orangennoten, deutlich reifere und cremigere Stilistik als der 20090er, spürbarer Restzucker, wirkt insgesamt ein bischen langweilig und ist wohl auch schon etwas über den Punkt.
83-85, trinken

Fazit: Man kann darüber streiten, ob nun 2008 oder 2009 das "eigentlich" bessere Jahr ist. Am Anfang wurden die 2009er sicher höher eingeschätzt, aber mittlerweilse bevorzugt so mancher die 2008er. Wie dem auch sei: Hier ist der 2008er der eindeutig spannendere Wein.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Hattenheim

Spontane Ausflüge sind doch meistens die schönsten. Am Sonntag sind wir kurz entschlossen mit dem Zug in den Rheingau nach Hattenheim gefahren, um den einen Tag mit schönem Wetter zu geniessen (vorher und nachher war das Wetter ja eher gräuslich). Zur Einstimmung gab es erstmal Riesling-Sekt (den extra brut) beim Weingut Barth.

Anschliessend sind wir runter zu den Fässern am Rhein gegangen, dem Hattenheimer Weinprobierstand. Der wird abwechselnd von verschiedenen Winzern betrieben, so dass man mit der Qualität des gebotenen Weines Glück oder Pech haben kann. Wir waren aber gar nicht des Weines wegen gekommen, sondern weil angeblich der Spundekäs dort sehr gut sein soll. Überprüfen konnten wir das nicht, denn er war schon ausverkauft. Während wir dort sassen, begann ein Pärchen, dort Musik zu machen, englische Titel, vor allem aber französische Chansons. Mit Livemusik und Riesling am Rhein in der Sonne zu sitzen, hat schon was.




Zum Abendessen ging es in den Krug, wo es unter anderem eine hervorragende "Boston Fish Chowder" gab. Zum Hauptgericht haben wir dann den 2013 er "Josef-Franz"-Spätburgunder getrunken. Jedes Jahr lassen sich Franz Keller von der Adlerwirtschaft und Josef Laufer vom Krug einen selektionierten Rheingauer Spätburgunder exklusiv abfüllen. Der 2013er stammt von August Kessler und ist sehr gut, aristokratisch fast (habe keine detaillierten Notizen gemacht).

Der "Boston Fish Chowder" im Krug

Auf dem kurzen Weg zum Bahnhof haben wir dann noch die Abendstimmung geniessen können. Und da die Rückfahrt lang ist, hatten wir uns dafür noch eine Flasche Spätburgunder besorgt. Ich wußte ehrlich gesagt gar nicht, daß Johannes Leitz auch Spätburgunder macht. Und guten dazu:

2013 Leitz Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder
Mittleres Rot, am Rand rosa
In der recht ausgeprägten Nase dominieren kräutrige Noten, dahinter dezente Kirschfrucht, mineralische Noten
Auch am Gaumen kirschfruchtig, die Kräuter hier nur noch im Hintergrund. Schön, wenn auch vielleicht ein klein wenig vordergründig.
86-88, bis 2020+

Abendhimmel über Hattenheim

In vollen Zügen...



Montag, 1. Mai 2017

II, I, 500

Das Weingut Von Winning produziert jedes Jahr drei Sauvignons. In einer etwas unorthodoxen Zählweise heißen die II, I und 500. Sauvignon II und I stammen teilweise aus zugekauften Trauben; der Sauvignon I wird im Holz ausgebaut, der Sauvignon II nicht. Der Sauvignon 500 ist das Spitzenprodukt aus dieser Rebsorte. Die Trauben stammen aus eigenen Weinbergen und werden in 500-Liter-Fäassern ausgebaut. Das Ergebnis ist dann auch ambitioniert bepreist (der aktuelle Jahrgang kostet ab Weingut 38 Euro).

Vom Sauvignon II des Jahrgangs 2012 hatten wir 2013 sechs Flaschen gekauft. Eine Flasche davon hatten wir im Keller vergessen (den Wein sollte man vermutlich nicht vier Jahre einkellern). Da wir auch die beiden anderen Weine aus gleichem Jahrgang haben, lag es nahe, sie nebeneinander zu probieren.



2012 Von Winning Sauvignon II
Helles bis mittleres Gelb
In der Nase zurückhaltend, etwas verwaschene Zitrusfrucht, Kräuter
Am Gaumen vordergründige Säure, wieder verwaschen wirkende Frucht.
Das war im ersten und zweiten Jahr nach der Ernte ein schöner Wein, aber er hat deutlich abgebaut. Das soll kein Vorwurf sein, denn das ist sicher kein Wein, der für längere Lagerung gemacht oder gedacht ist.
75-79, austrinken.

2012 Von Winning Sauvignon I
Kräftiges Gelb
In der Nase deutlich vom Holz geprägt,
Auch am Gaumen deutliche Holzprägung, viel (etwas süßlich wirkender) Schmelz, eher dezente Frucht, passende Säure, ordentliche Länge.
86-88, bis 2017

2012 Von Winning Sauvignon 500
Reifes Gelb
In der Nase recht zurückhaltend, deutliche Holzprügung, gelbfruchtig, Zitronenmelisse, dezente Holundernote.
Am Gaumen ziemlich kraftvoll und nachhaltig, viel Schmelz (aber ohne die süßliche Note des Sauvignon I), stützende Holznote, lang.Wird wohl nicht mehr besser, dürfte sich aber auf diesem Niveau noch etwas halten.
89-91, bis 2020